Copilot routet in die USA.
Die DSGVO-Checkliste.
Microsoft Copilot routet seit April 2026 EU-Daten in die USA, standardmäßig aktiv, ohne prominenten Hinweis. Für Steuerkanzleien und Versicherungsmakler sind das konkrete Pflichtenkonflikte. Die 8-Punkte-Admin-Checkliste zum Gegensteuern.
Seit dem 7. Januar 2026 verarbeitet Microsoft Copilot Anfragen teilweise über Anthropics Infrastruktur, außerhalb der Microsoft-EU-Datengrenze. Seit dem 25. März 2026 verlassen Prompts und Dokumente bei Lastspitzen die EU: geroutet nach USA, Kanada oder Australien, standardmäßig aktiv, ohne prominenten Hinweis. Für Steuerkanzleien und Versicherungsmakler sind das keine abstrakten Compliance-Themen, das sind konkrete Pflichtenkonflikte.
Was passiert ist: Zwei Events in fünf Monaten
Chronologie zuerst, Einschätzung danach
7. Januar 2026: Anthropic als neuer Sub-Processor
Microsoft hat Anthropic-Modelle (Claude-Familie) in M365 Copilot integriert. Betroffen: Copilot Researcher, Copilot Studio, Power Platform und Copilot in M365-Apps: Word, Outlook, Teams. Anthropic agiert dabei als Microsoft-Subprozessor, nicht als eigenständiger Auftragsverarbeiter mit separatem AVV.
Für EU/EFTA/UK-Tenants war der Default am 7. Januar "aus". Der Toggle existiert aber im Admin Center, und er ist leicht zu aktivieren, zum Beispiel beim Setup neuer Copilot-Features oder beim Freischalten von Researcher. Entscheidend: Anthropic ist nicht Bestandteil von Microsofts EU Data Boundary Commitments. Wird der Toggle aktiviert, verlassen Prompts und Responses die EU-Datengrenze ohne geografische Garantie.
Microsoft Product Terms, Januar 2026.
25. März 2026 / 17. April 2026: Flex Routing
Flex Routing erlaubt Microsoft, LLM-Inferencing bei Lastspitzen in Rechenzentren außerhalb der EU auszuführen: USA, Kanada, Australien. Betroffen sind Prompts, Responses und Grounding Data: der Dokumentenkontext, den Copilot zur Antwortgenerierung zieht.
Timeline: Neue Tenants ab 25. März 2026 per Default aktiv. Bestehende Tenants: automatisch aktiviert ab 17. April 2026. Opt-out war erforderlich, kein Opt-in.
Kommunikation: Microsoft Message Center Einträge. Kein separater Hinweis an Kunden oder Microsoft-Partner in Deutschland.
Flex Routing: Was genau die EU verlässt
Nicht Metadaten. Inhaltsdaten.
Das häufigste Missverständnis: IT-Verantwortliche glauben, "nur Anfragen" seien betroffen: abstrakte Tokens, keine echten Inhalte. Das ist falsch.
Flex Routing überträgt:
- Den vollständigen Prompt: alles, was ins Copilot-Eingabefeld eingegeben wird
- Die Response: das generierte Ergebnis inklusive synthetisierter Informationen aus dem Kontext
- Grounding Data: der Kontext, den Copilot aus M365-Daten zieht: geöffnete E-Mail-Threads, SharePoint-Dokumente, OneDrive-Dateien
Praktisches Beispiel: Eine Kanzleimitarbeiterin öffnet einen 80-seitigen Jahresabschluss in Word und bittet Copilot, eine Executive Summary zu erstellen. Dieser Jahresabschluss ist Grounding Data. Bei Flex Routing verlässt er die EU: temporär, automatisch, ohne Benachrichtigung.
Rechtliche Einordnung: Art. 44 DSGVO, Übermittlung personenbezogener Daten in ein Drittland. Auch temporäre, automatisierte Übermittlungen fallen darunter, das ist keine Auslegungsfrage, sondern EuGH-Rechtsprechung (Schrems II, C-311/18, 16.07.2020). Microsoft stützt sich auf EU-US Data Privacy Framework und Standardvertragsklauseln (SCCs). Für viele Unternehmen ausreichend. Für regulierte Berufe ist die Lage komplizierter.
datenschutzticker.de, Juni 2026; Microsoft Learn, Copilot Flex Routing Dokumentation, Stand: Juni 2026.
Warum Steuerkanzleien und Versicherungsmakler besonders betroffen sind
Berufsgeheimnis trifft Drittlandtransfer
Für einen Onlinehändler oder eine Marketingagentur ist Flex Routing ein dokumentierbares Risiko, handhabbar mit SCCs, Verarbeitungsverzeichnis-Update und DSB-Information.
Für Steuerkanzleien und Versicherungsmakler ist die Ausgangslage strukturell anders.
Steuerberater (§ 57 Abs. 1 StBerG):
Die Verschwiegenheitspflicht umfasst alle Tatsachen, die dem Steuerberater im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit bekannt geworden sind. Bilanzen, Einkommensnachweise, Betriebsprüfungskorrespondenz, Steuerbescheide: exakt die Dokumente, die täglich als Copilot-Grounding-Kontext geöffnet werden. § 203 StGB (Verletzung von Privatgeheimnissen) greift parallel: unbefugte Offenbarung von Berufsgeheimnissen an Dritte ist strafbar.
Die offene Frage: Ist der temporäre Transfer durch Flex Routing eine strafbewehrte Offenbarung? Das ist nach unserem Kenntnisstand noch nicht gerichtlich entschieden. Stand: Juni 2026. Rechtsbewertung deines Datenschutzbeauftragten und der BStBK einholen, bevor Flex Routing aktiv bleibt.
Versicherungsmakler (§ 34d GewO, Art. 9 DSGVO):
Makler-Kundendaten enthalten häufig Gesundheitsinformationen: BU-Anträge, PKV-Korrespondenz, ärztliche Atteste. Das sind besondere Kategorien nach Art. 9 DSGVO mit verschärften Anforderungen bei Drittlandtransfers. § 203 StGB gilt auch für Versicherungsvermittler nach § 34d GewO.
Hinzu kommt BaFin VAIT (Versicherungsaufsichtliche Anforderungen an die IT, 2023): Anforderungen an IT-Auslagerungen und Drittdienstleister. Ob Flex Routing unter relevante Auslagerungspflichten fällt, ist behördlich nach unserem Kenntnisstand noch nicht entschieden. Stand: Juni 2026, mit Datenschutzberater abstimmen.
Ein Signal zur Lage: Laut asscompact.de wissen nur 11 % der Versicherungsmakler, welche Anforderungen neue KI-Regeln an ihren Betrieb stellen. Flex Routing läuft also in der Mehrheit der Makler-Tenants seit April 2026 still im Hintergrund.
Die 8-Punkte-Admin-Checkliste
Keine langen Erklärungen, reine Aktion
Priorität 1 (heute):
- Flex Routing deaktivieren: Microsoft 365 Admin Center → Copilot → Einstellungen → Alle anzeigen → "Flex Routing bei Spitzenlastzeiten" → "Flex Routing nicht zulassen" auswählen. Einstellung greift nach bis zu 7 Tagen, danach erneut verifizieren.
- Anthropic-Toggle prüfen: Admin Center → Einstellungen → Copilot → KI-Subprozessoren: Toggle "Anthropic" deaktiviert? Falls der Tenant in den letzten 6 Monaten neu konfiguriert wurde: doppelt prüfen.
- Screenshots mit Zeitstempel: Beide Einstellungen dokumentieren, PDF-Export in die DSGVO-Akte. Nachweis für Aufsichtsbehörden.
Priorität 2 (diese Woche):
- Verarbeitungsverzeichnis updaten (Art. 30 DSGVO): M365 Copilot-Eintrag ergänzen: Sub-Processor Anthropic (Status + Datum), Flex Routing (Status + Datum), Geo-Fallback-Regionen vor Deaktivierung (USA/Kanada/Australien).
- AVV mit Microsoft prüfen: Microsoft hat das DPA im Dezember 2025 aktualisiert. Gilt der bestehende AVV noch? Anlage 1 (Sub-Processor-Liste) auf Anthropic prüfen.
- DSB informieren: Interner oder externer Datenschutzbeauftragter: heute, nicht Ende der Woche.
Priorität 3 (nächste 30 Tage):
- DSFA prüfen oder erstellen: Falls eine Datenschutz-Folgenabschätzung für M365 Copilot existiert: Update erforderlich. Falls nicht: Bestandsaufnahme, welche Daten als Copilot-Kontext genutzt werden.
- Mitarbeiter-Richtlinie schriftlich festlegen: Was darf bis zur abschließenden Klärung nicht als Copilot-Kontext eingegeben werden? Konkret: Mandantennamen + Steuernummern, Schadensakten, Kontonummern, Gesundheitsdaten, laufende Betriebsprüfungen. Schriftlich, nicht nur mündlich.
Wenn Copilot unverzichtbar bleibt
Realismus statt Panik
Copilot abschalten ist für die meisten M365-Nutzer keine Option, zu tief integriert in Outlook, Teams und Word.
Flex Routing deaktivieren + Anthropic deaktivieren + Verarbeitungsverzeichnis aktualisieren: Das löst die unmittelbaren Risiken. Copilot bleibt nutzbar.
Aber die strukturelle Frage bleibt: Sollen kanzlei- oder makler-spezifische KI-Use-Cases (automatisierte Erst-Antworten auf Standardanfragen, FAQ-Bots für Mandanten, Zusammenfassung eingehender Schadensmeldungen) über Infrastruktur laufen, bei der Routing-Entscheidungen von Microsoft ohne dein Vorabwissen getroffen werden?
Die strukturelle Alternative: Direkte Claude-API-Integration über Anthropics EU-Region, Serverhosting auf Hetzner (Frankfurt/Nürnberg, Deutschland), expliziter AVV, kein Microsoft-Routing-Layer. Ein KI-Chatbot, der ausschließlich auf deutschen Servern läuft, mit definierter Datenhoheit, ohne Überraschungen durch stille Infrastrukturänderungen. Festpreis, 14-Tage-Sprint.
→ KI-Chatbot für Kanzleien und Makler - Sehlmeyer Digital
Datenhoheit ohne Microsoft-Routing.
Direkte Claude-API-Integration, EU-Region, Hosting auf Hetzner Deutschland, expliziter AVV, kein stiller Routing-Layer. 14 Tage, Festpreis.
Fazit
Flex Routing und der Anthropic-Sub-Processor sind keine Sicherheitslücken. Sie sind Architekturentscheidungen von Microsoft: standard-aktiviert, kein Alarm, kein Opt-in.
Für regulierte Branchen bedeutet das: zwei neue Einträge in der DSGVO-Dokumentation, zwei Toggles im Admin Center, eine Mitarbeiter-Richtlinie. Gesamtaufwand: 1 bis 2 Stunden.
Schieb es nicht auf den nächsten Monatsabschluss.